Interview

Interview mit einem Nationalparkexperten

Peter Gaffert zum Rothaarkamm: „Wo Nationalpark draufsteht, sollte auch Nationalpark drin sein“

Peter Gaffert

Peter Gaffert, Diplom-Forstingenieur (Foto: PEFC)

Der Experte

Peter Gaffert ist Diplom-Forstingenieur und einer der erfahrensten deutschen Praktiker im Umgang mit Nationalparks. Von 1994 bis 2004 leitete er den Nationalpark Hochharz. Anschließend wechselte er nach Hessen und übernahm von 2005 bis 2008 die Leitung des damals noch jungen Nationalparks Kellerwald-Edersee. Damit hat Gaffert in zwei unterschiedlichen Regionen unmittelbar erlebt, welche Herausforderungen mit der Einrichtung und Entwicklung eines Nationalparks verbunden sind. Nicht zuletzt war er von 2008 bis 2022 Oberbürgermeister von Wernigerode und sitzt im Deutschen Forst-Zertifizierungsrat des PEFC als Vertreter für den Kommunalwald.

Sie kennen Nationalparks aus ganz unterschiedlichen Perspektiven: als langjähriger Nationalparkleiter und später als Oberbürgermeister einer Stadt direkt am Nationalpark Harz. Was kann ein Nationalpark Gutes für die Region bringen?

Das Wichtigste ist sicher ein positives Image der Region – insbesondere dann, wenn die Einwohner und Anliegergemeinden ein solches Projekt positiv sehen und die Ausweisung nicht gegen einen größeren Teil der Bevölkerung und der Stakeholder erfolgt. Grundlage sollte jedoch immer eine fundierte sachliche, also ökologisch-fachliche Beurteilung des Gebietes sein. Wo Nationalpark draufsteht, sollte auch Nationalpark drin sein! Nationalparks sind herausragende Schutzgebiete, die sowohl nationalen als auch internationalen Kriterien gerecht werden sollen.

Hinzu kommen in aller Regel Investitionen in die Infrastruktur sowie die Schaffung von Arbeitsplätzen in der Verwaltung und Umweltbildung und – wenn der Tourismus nachzieht – im Gastro- und Beherbergungswesen.

Wenn Sie diese Erfahrungen auf unsere Region übertragen: Kann der Rothaarkamm aus Ihrer Sicht Ähnliches leisten wie der Harz oder der Nationalpark Kellerwald-Edersee?

Auch wenn die Entstehungsgeschichten beider Nationalparks sehr unterschiedlich sind, gibt es herausragende naturschutzfachliche Gründe für die Existenz eines Nationalparks. Der Harz verfügt über wunderschöne Bergfichtenwälder bis in 1000 Meter Höhe, subalpine Matten und wertvolle Moore. Und der Kellerwald zeichnet sich durch große zusammenhängende Buchenwälder aus, die sogar Teil des UNESCO-Weltnaturerbe sind.

Beim Rothaarkamm scheinen mir die herausragenden ökologischen beziehungsweise fachlichen Gründe für die Ausweisung eines Nationalparks auf Grundlage der veröffentlichten Unterlagen eher nicht gegeben zu sein. Hinzu kommt, dass der Park eine viel zu geringe Fläche mit zudem sehr langen Außengrenzen hat, was dem eigentlichen Ziel eines Nationalparks, nämlich den Prozessschutz wenn möglich großflächig zuzulassen, entgegensteht. Das betrifft sowohl das eventuell notwendige Eindämmen von Kalamitäten als auch die Verkehrssicherungspflicht sowie das Wildtiermanagement.

In Zeiten des rasant fortschreitenden Klimawandels mit enormen Unsicherheiten mit Blick auf den Wald macht aus meiner Sicht die Ausweisung eines solchen Mini-Parks ohne wirkliche Hotspots und Unique Selling Points keinen Sinn. Der nationalen und internationalen Nationalparkbewegung würde man – um es einfach zu sagen – wohl keinen Gefallen tun. Denn das Gebiet würde sich dann einreihen in die Liste so namhafter Parks wie Yellowstone, Yosemite, Schweizerischer Nationalpark, Nationalpark Bayerischer Wald und Hainich. Landes- und kommunalpolitisch kann das natürlich anders gesehen werden.

Ein Nationalpark bedeutet viele Veränderungen für die Menschen vor Ort. Mit welchen Einschränkungen und Kompromissen müssen die Bürger rechnen?

Um großflächig ungestörte Waldentwicklung zu garantieren sowie flächige Beeinträchtigungen zu minimieren, existiert in nahezu allen Nationalparks ein strenges Wegegebot. In aller Regel wird das Wegenetz im Laufe der Zeit dann ausgedünnt. Es kann dann zu Nutzungskonflikten zwischen Wanderern und Radfahrern kommen. Hinzu kommt ein Verbot der Holzernte, was die dauerhafte Versorgung der Gesellschaft mit Holz und Holzprodukten auf regionaler Ebene weiter einschränkt. Ebenfalls verboten wird die Entnahme von Beeren, Pilzen und Pflanzenteilen. Außerdem gibt es sehr unterschiedliche Regelungen zur Bejagung. Ähnliches gilt für die Durchführung größerer Veranstaltungen im Gebiet – hier lassen sich jedoch bei der Ausweisung in aller Regel Ausnahmeregelungen treffen.

Wie wichtig ist die Öffentlichkeitsbeteiligung bei der Einrichtung des Nationalparks?

Es ist sehr wichtig, alle Beteiligten mitzunehmen. Die Gründung des Nationalparks Harz – insbesondere des Teils in Sachsen-Anhalt 1990 im Rahmen des Nationalparkprogrammes der ehemaligen DDR – verlief nahezu ohne Beteiligung der Bevölkerung, und so gibt es bis heute auch vehement Kritik an der Strategie des Nationalparks und eine Vielzahl von Konflikten.

Im hessischen Kellerwald hingegen hat man sich vor der Ausweisung viele Jahre Zeit genommen, das Projekt mit allen Betroffenen sehr intensiv zu diskutieren. Nicht zuletzt die ausgesprochen geringen Besucherzahlen sowie kaum vorhandene Konflikte mit den Anrainerkommunen ermöglichen seit nunmehr über 20 Jahren eine kontinuierliche Entwicklung des Nationalparks und der Region.

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